Grafschafter Geschichten


Die Burg im Reitgaar

Am Reitgaar, einem stillen kleinen See in der Nähe von Neuenhaus, stand einst eine Burg. Darin hauste ein böser Raubritter. Heimtückisch überfiel er die Bauern auf den Äckern, die Kaufleute und Wanderer auf ihren Wegen. Er nahm ihnen alles Geld und Gut ab und warf sie in den dunklen, muffigen Keller des Turms, wo sie elendig verhungerten und verdursteten.

Die gute Tochter des Ritters hatte Erbarmen mit den Überfallenen. Sie brachte ihnen heimlich zu essen und zu trinken und warf ihnen manche Wolldecke hinab. Eines Tages, als der Vater wieder einmal mit schlimm zugerichteten Gefangenen nach Hause zurückkehrte, sank sie vor ihm auf die Knie und flehte ihn an, mit seinem bösen Treiben aufzuhören. Doch dieser stieß sie weg. Habgier und Grausamkeit hatten sein Herz verhärtet. Am Abend kniete sie voller Scham und Verzweiflung nieder und betete: “Gott, wenn das Elend nur so aufhören kann, dann lass diese Raubburg vom Erdboden verschwinden!”

Da begann plötzlich die Erde zu beben, das sonst so stille Wasser des Reitgaar schäumte und eine mächtige Welle verschlang die Burg mit Mann und Maus. Am anderen Morgen war nichts mehr von ihr zu sehen. Dennoch wagten die Bauern der Gegend noch lange nicht, das Ufer des Reitgaar zu betreten.

Doch wer sich heute - am Morgen des Himmelfahrtstages - vor Tag und Tau zum Reitgaar begibt, der kann durch das leise Geplätscher der Wellen das dumpfe Läuten der Glocken hören, die einst die Kapelle der Burg zierten.